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  Im Kreuzbund helfen sich seit über 100 Jahren die Mitglieder gegenseitig, abstinent zu bleiben
Wenn Günter Döker in die Schulen geht, hört er die Frage immer wieder: "Ist das eine Sekte?" Eher nicht, auch wenn Name und was da passiert Außen-stehenden eher unbekannt sind. Ein konspirativer Eindruck drängt sich auch nicht auf, als sich die Mitglieder von zwei Kreuzbund-Gruppen an einem Dienstagabend vor dem Platzregen ins Pfarrheim in Gescher flüchten. Einige haben mit Geschirrtüchern abgedeckte Einkaufskörbe dabei. Draußen an der Tür weist ein Zettel auf die wöchentlichen Gruppenstunden hin. Munter geht es zu, die meisten kennen sich seit vielen Jahren und teilen die gleichen, schlimmen Erfahrungen mit der Volksdroge Nummer eins, dem Alkohol.
Besonders frisch ist die Erinnerung für Peter, der vor gut zwei Monaten aus einem Nachbarort in eine der sechs Kreuzbund-Gruppen in Gescher aufgenommen worden ist. "Man kommt nach der Therapie nach Hause und steht allein da", erklärt er: "Die Probleme sind geblieben, und das sind oft die, weswegen man getrunken hat." Der Kreuzbund steht gegen das Alleinsein mit der Suchterfahrung. Bei den wöchentlichen Treffen helfen sich die Mitglieder gegenseitig mit Rat und Tat, um das zu vermeiden, was auch nach Jahren Schreckgespenst bleibt und deshalb die Gespräche ständig prägt: den Rückfall.
Günter Döker, der heute als Beisitzer im Diözesanvorstand Münster für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und nicht nur gegen das "Sektenimage" des Kreuzbundes anschreibt, kennt diese Angst aus eigener Erfahrung. Ohne Therapie, aber mit Hilfe der Gruppe hat es der Polizeibeamte und Vater von drei Kindern geschafft, vom Alkohol loszukommen und seit über zwölf Jahren abstinent zu leben. Er versucht, den Selbsthilfe-Fachverband der Caritas bekannter zu machen und mehr ehemalige Suchtkranke zu gewinnen. Denn es hilft: Das Risiko eines Rückfalls sinkt - nach Untersuchungen leben 70 bis 80 Prozent der Alkoholabhängigen, die eine Gruppe besuchen, dauerhaft abstinent.
Anonymität aufgeben
Dass die Mitgliederzahlen trotzdem weit von den Zahlen der tatsächlich Suchtkranken entfernt und seit Jahren ziemlich konstant bleiben, hängt wohl auch mit dem Mut zusammen, den der Schritt zum Kreuzbund erfordert. Die Schwelle zu den weit bekannteren Anonymen Alkoholikern ist geringer. Im Kreuzbund rei-chen die Vornamen nicht und muss die Anonymität aufgegeben werden.
Das mag schwieriger sein beim ersten Schritt, das andere Konzept des Kreuzbundes hat aber Vorteile. Zum Beispiel weil der Vorname nicht im Telefonbuch steht. "Wir tauschen die Telefonnummern aus", erklärt Döker. Wenn ein Mitglied in eine Krise gerät, kann es sofort Hilfe bekommen und jederzeit - "wir haben keine Sprechzeiten". Denn der Zeitpunkt für die Hilfe ist entscheidend wichtig und darf nicht verpasst werden. Das schätzen die Gruppenmitglieder in Gescher auch so an Maria Pohlmann von der Suchtberatung der Caritas Ahaus-Vreden. Sie ist zu jeder Zeit ansprechbar, hat die Familien während der Entwöhnungskur begleitet und häufig den Kontakt zum Kreuzbund vermittelt.
Kritisch ist die Situation vor allem in den ersten Wochen nach der Therapie. Peter hat es bei vielen Mitpatienten erlebt, dass sie mit dem Trinken wieder angefangen haben. "Da sind erstaunlich viele betroffen." Ihm hilft "die Gruppe enorm", sagt er. Schon dass alle die gleichen Erfahrungen durchgemacht und es über viele Jahre geschafft haben, abstinent zu bleiben, baut auf. Daneben gibt es viele praktische Tipps. Dass alkoholfreies Bier wegen seines Geschmacks und Aussehens auch eine Gefahr darstellt oder ein Alkoholgehalt unter 0,5 Promille nicht deklariert werden muss. Damit erklärte sich für ein Gruppenmitglied, warum ihr Mann auf einmal auf diese bestimmte Eissorte so versessen war.
Am Anfang jedes Treffens steht die Frage des Gruppensprechers: "Gibt es Probleme, die wir heute besprechen sollten?" Günther ist seit Anfang an dabei und macht dies schon seit gut 18 Jahren. In seiner Gruppe sind fünf Paare, nur Peter, von den Jahren und der Zugehörigkeit her der Jüngste, ist allein. Auch das unterscheidet den Kreuzbund von den Anonymen Alkoholikern. Dort treffen sich Angehörige getrennt in eigenen Gruppen. Beim Kreuzbund können die Partner mitkommen. Schließlich ist die Familie in nicht geringem Maße mitbetroffen, und es können im direkten Austausch gemeinsam Wege aus Problemsituationen gefunden werden. Wie bei Marianne. Sie berichtet an diesem Abend, dass es sie stört, wenn ihr Mann weiterhin Bier trinken und später angetrunken nicht nach Hause will. Gemeinsam kann ein Kompromiss gefunden werden. Allerdings nicht, wenn Mariannes Mann Verantwortung im Kreuzbund übernehmen wollte. "Dann", erklärt Günther Döker, "müssen sich auch Angehörige zur Abstinenz verpflichten." Hilfreich bei Konflikten dieser Art können zudem Seminare sein, die der Kreuzbund anbietet. Insgesamt wird die Familienarbeit in den letzten Jahren ausgebaut. In Gescher hat der Kreuzbund beispielsweise zwei Kindergruppen gegründet. Auch für die Jugendarbeit ist Döker im Diözesanvorstand verantwortlich.
Feiern ohne Alkohol
Das Risiko, selbst abhängig zu werden, ist bei Kindern aus Familien, in denen ein Elternteil oder beide sucht-krank sind, sechsmal höher als in "gesunden" Familien. Peter kennt sein Trinkverhalten von seinem Vater: "Ich habe von ihm gelernt, wenn man getrunken hat, dann bis zum Abwinken." Mit 16 hat er nach dem gleichen Muster angefangen. Die Gruppentreffen kreisen aber nicht ausschließlich um Sucht. Nach dem Erfahrungsaustausch in der ersten Stunde werden der Stuhlkreis aufgelöst und die Tische zurechtgerückt, das Geschirrtuch von den Einkaufskörben abgedeckt, Kaffee- und Teekannen herausgeholt, Plätzchen auf den Tisch gestellt. Der gemütliche Teil beginnt, die Gespräche drehen sich jetzt um Gott und die Welt. Geselligkeit wird im Kreuzbund groß geschrieben. Gefeiert wird auch ohne Alkohol ausgelassen und lange. Da kommen die Mitglieder in größeren Scharen zusammen, ansonsten ist die Gruppengröße begrenzt. Normalerweise sollen es um die zehn sein, wird das Dutzend überschritten, wird die Gruppe geteilt. Deshalb gibt es gleich sechs Gruppen in Gescher. Günter Döker führt dies weniger auf die Trinkfreudigkeit der Gescheraner zurück als vielmehr darauf, dass der Kreuzbund hier recht aktiv ist. Empfehlungen der Therapeuten, der Hinweis von Maria Pohlmann und vor allem die Mundpropaganda führen in die Kreuzbundgruppen. Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit soll noch mehr Suchtkranken diese Selbsthilfemöglichkeit eröffnen. Denn bezogen auf die 3,8 Millionen Einwohner in der Diözese Münster müsste es statistisch 140 000 suchtkranke Menschen geben. Aber der Kreuzbund zählt, obwohl größter Diözesanverband in Deutschland, nur rund 2000 Mitglieder. Dass dieser Rückhalt der Gruppe aber immer wieder wichtig ist, erlebt Peter. Manche seiner Bekannten wissen noch nichts von seiner Krankheit und der Therapie. Trifft er sie auf Festen und lehnt das Pils ab, wundern sie sich: "Du hast doch vorher nicht reingespuckt", heißt es dann, was Peter das Leben nicht leichter macht. Noch schwieriger wird es, wenn die anderen angetrunken sind. Dann hilft nicht zuletzt die Gruppenerfahrung, standhaft beim Wasser zu bleiben. .
Weitere Informationen zum Kreuzbund und Adressen der Gruppen im Internet unter www.kreuzbund.de.

| Kreuzbund: Selbsthilfe für Suchtkranke |
 Gegründet als "Katholischer Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke" hat sich der Kreuzbund seit 1896 zu einer Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und deren Angehörige entwickelt. Als Fachverband der Caritas ist er bundesweit vertreten mit 1 567 Gruppen und 14 704 Mitgliedern. Zusätzlich besuchen rund 18 000 Nichtmitglieder, überwiegend Angehörige, die wöchentlichen Gruppentreffen. Größter von 26 Diözesanverbänden ist Münster mit zurzeit 229 Gruppen und rund 2 000 Mitgliedern sowie weiteren 1 500 Besuchern. In NRW zählt der Kreuzbund insgesamt 619 Gruppen mit 6194 Mitgliedern. Der Verband wird vor Ort ehrenamtlich geführt und organisiert, nur die Bundesgeschäftsstelle in Hamm unterstützt diese Freiwilligenarbeit mit wenigen hauptamtlichen Mitarbeitern. Neben Gruppenarbeit und Gespräch bietet der Kreuzbund Seminare und Freizeitgestaltung an, arbeitet eng mit den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, insbesondere der Caritas, zusammen und bemüht sich, durch Öffentlichkeitsarbeit die Interessen der alkohol- und medikamentenabhängigen Menschen zu vertreten. Neben dem Kreuzbund gibt es eine Reihe weiterer Organisationen, in denen sich ehemalige Suchtkranke zusammenfinden, um sich gemeinsam in ihrer Abstinenz zu bestärken wie die Anonymen Alkoholiker, Guttempler, Blaues Kreuz oder die Freundeskreise.

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win-win für Alle! ist ein ESF-Projekt (ESF=Europäischer Sozialfonds) der fünf Diözesancaritasverbände in NRW. Ziel des Projektes ist es, das Ehrenamts- management und das neue Berufsprofil der Ehrenamts koordinatorin/des Ehrenamtskoordinators in den Blick zu nehmen, weiter zu entwickeln und in den Diensten und Einrichtungen der Caritas in NRW zu etablieren.
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