Zwei Stunden Auszeit

Zweimal im Monat wird das Besuchszimmer in der Siegener Justizvollzugsanstalt zum Treffpunkt für Menschen von draußen und drinnen: Die Inhaftierten sind froh über die Ablenkung vom Gefängnisalltag.

Ehrenamtliche besuchen alle zwei Wochen Gefangene in der JVA Siegen

 

Sie kommen zum Reden, zum Mutmachen: „Hinterm Horizont geht’s weiter“ nennt sich der Gefangenen-Besuchsdienst in der Siegener Justizvollzugsanstalt (JVA) im Unteren Schloss. Zweimal im Monat besuchen Ehrenamtliche Häftlinge im Gefängnis. Die Menschen von drinnen treffen sich mit Menschen von draußen in einem hell erleuchteten, kargen Besuchszimmer. Die harten Jungs sind froh über die Auszeit vom Gefängnisalltag. Entstanden ist die Gesprächsgruppe als Kooperationsprojekt zwischen dem Caritasverband Siegen-Wittgenstein und der katholischen Seelsorge.

 

Wenn Gefangenen-Seelsorger Werner Schrage an der Eisentür der Siegener JVA klingelt, öffnet sich eine verschlossene Welt: vergitterte Fenster, Glasbausteine, schwere Gittertüren hinter dicken, alten Schlossmauern. Jetzt um kurz nach 18 Uhr sind alle Zelltüren dreifach verriegelt. In den kargen Gefängnis-Fluren ist es still und leer. Die Sicherheitsspiegel oben in den Flurecken verraten die Besucher schon von Weitem: Seelsorger Schrage, drei Rentner, eine Studentin und Ilse Zalewski, Caritas-Koordinatorin im Dekanat Siegen, steuern auf das Besuchszimmer zu. Ein JVA-Beamter führt die Inhaftierten nach und nach hinein. Für sie wird das Zimmer in den nächsten zwei Stunden zur Brücke in die Außenwelt, mit Kaffee, Tageszeitung, Chips und Dominosteinen. Und vor allem: Gesprächen.

 

„Ihr Kind ist in der Grundschule. Werden Sie als Elternsprecher vorgeschlagen?“ „Vorbestrafte nicht“,  sagt einer der Inhaftierten leise. „Werden Sie in diesem Jahr verreisen?“ Ironisches Gelächter bei den Gefangenen. Ilse Zalewski fragt weiter. Warum manche Menschen automatisch in der Mitte der Gesellschaft stünden und andere nicht? Ob das so sein müsse? Ilse Zalewski hat den Besuchsabend in der JVA Siegen mit einem Spiel eröffnet. Es geht darum, wer in der Mitte der Gesellschaft steht und wer nicht. Keiner der Gefangenen kreuzt auf seinem Antwortbogen so viele Jas an, dass er im Spiel in der Mitte ankommt. Auch das wirkliche Leben draußen hat sie ins Abseits gedrängt.

 

Drinnen: Das sind an diesem Abend unter anderem Bernd, Stefan, Dirk und Markus, die wegen Betrugs, Körperverletzung, Diebstahl und Einbruch einsitzen, alle zwischen 20 und 60 Jahre alt. Zehn von insgesamt 70 Inhaftierten. Jeder begrüßt jeden mit festem Händedruck. Der Ton ist rau, aber herzlich, die Stimmung aufgekratzt. Alle freuen sich darauf, „die Zelle mal hinter sich zu lassen und Menschen zum Reden zu haben“, sagt etwa Ferdinand. Dann liest Horst, Ex-Schulleiter und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kontaktgruppe, eine biblische Geschichte vor, in der es um Nächstenliebe geht. Später wird Werner Schrage sagen: „Wir wollen hier niemanden fromm machen. Wir wollen den Gefangenen zeigen, dass es Menschen draußen gibt, die sie hier drinnen nicht vergessen haben.“

 

Nach einer knappen Stunde beginnt der inoffizielle Teil des Besuchsabends. Die Ehrenamtlichen sitzen zwischen den Inhaftierten. Ein Miteinander statt Gegenüber. Während die Kaffeemaschinen blubbern, kommt man ins Gespräch. Nichts Tiefschürfendes, einfach ungezwungenes Reden. Über Fußball, die anstehende Weihnachtsfeier, das Essen im Knast. „Über persönliche Dinge reden die meisten Gefangenen eher nicht“, sagt Werner Schrage. Dahinter stehe die Angst, zu viel von sich preiszugeben. Einmal erst habe ein Gefangener mit ihm über Verlustängste sprechen wollen. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt.

 

Vor knapp einem Jahr war die Idee zu der Kontaktgruppe entstanden, angeregt von Diakon Werner Schrage mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas-Konferenzen im Dekanat Siegen. Seit Jahresanfang treffen sich die Ehrenamtlichen alle zwei Wochen donnerstags von 18 bis 20 Uhr mit Inhaftierten.

 

Die Warteliste ist lang, viele der Inhaftierten möchten daran teilnehmen. Seelsorger Werner Schrage wählt die aus, die soziale Kontakte besonders dringend brauchen. An jedem Gruppenabend tauchen neue Gesichter auf. Viele Treffen seien harmonisch, bei anderen komme es auch zu Grenzüberschreitungen, sagt Ilse Zalewski. Etwa wenn jemand störe oder blockiere. Dann erfolgt ein Teilnahmeverbot. In der Vorweihnachtszeit, wenn die Musik und der Geruch von Glühwein und Mandeln vom angrenzenden Weihnachtsmarkt auf dem Schlosshof durch die Fenstergitter ziehen, ist der Frust an manchen Tagen besonders groß. Zum Beispiel in den Einzelzellen, wo auf engen Quadratmetern ein Bettgestell, Toilette, Waschbecken, Tisch und Stuhl stehen. „Vor allem wenn man die Stimmen und das Gelächter der Leute draußen hört, ist es hart, eingesperrt zu sein“, sagt einer der Gefangenen.

 

Um die acht ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Gefangenen-Besuchsdienst der Caritas inzwischen. Es sind Rentner, Hausfrauen, zwei Studentinnen und Frauen in sozialen Berufen. Sie alle müssen in der JVA strenge Regeln beachten, so dürfen beispielsweise keine privaten Daten an die Gefangenen weitergegeben werden. Gefangene und Ehrenamtliche kennen sich nur per Vornamen. Nicht jeder kann als Ehrenamtlicher mitarbeiten – zum einen, weil Diakon Schrage zunächst einen Antrag auf Sicherheitsüberprüfung beim Justizministerium stellen muss. Zum anderen, weil besondere menschliche Qualitäten gefordert sind: „Man muss Menschen mögen. Darf keine Vorurteile haben und sollte immer mit einer gewissen Gelassenheit hierhin kommen“, sagt Schrage. Wichtig sei die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz.

 

Im Besuchszimmer ist es inzwischen acht Uhr geworden. Die Wege trennen sich wieder. Drinnen bringen zwei JVA-Beamte die Häftlinge in ihre Zellen zurück. Draußen in der kalten Winterluft verabschieden sich die Ehrenamtlichen mit herzlichem Händedruck voneinander. In zwei Wochen wollen sie im Gefängnis Weihnachten feiern.

 

 Claudia Scheffler

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2009